Ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung


Oberbürgermeister Julian Osswald
zur Kranzniederlegung im Park Courbevoie
anlässlich des 75. Jahrestags der Zerstörung Freudenstadts


Rede OB
 
Zum Video der Rede auf YouTube

Liebe Bürgerinnen und Bürger unserer Freudenstadt,
 
mit dem heutigen Tag ist ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte unserer Stadt verbunden.
 
Viele, die diese Videobotschaft anschauen, werden denken, was soll an diesem Tag bei wunderschönem Wetter mitten in der Coronakrise besonders sein?
 
Wir gedenken heute zum 75. Mal der Zerstörung Freudenstadts.
Und da wir dies nicht in der geplanten Weise mit einer Gedenkveranstaltung hier im Park Courbevoie und einer Befragung von Zeitzeugen im Stadthaus tun können, haben wir uns überlegt, welche Alternativen es im Zeitalter des Kontaktverbotes aufgrund des Coronavirus geben kann.
 
So haben wir die Idee entwickelt, diesem Gedenken hier am Gefallenendenkmal stellvertretend für alle Bürger eine Plattform zu geben und Sie per Video daran teilhaben zu lassen.

Außerdem werden heute Nachmittag im Stadtgebiet und den Teilorten um 14.30 Uhr für 5 Minuten alle Kirchenglocken läuten. Dafür möchte ich mich herzlich bei den Kirchengemeinden bedanken.
Um diese Zeit begann vor 75 Jahren der Beschuss der Stadt.

Was ist an diesem schicksalshaften Tag, dem 16. April 1945, denn geschehen? Die französische Armee war in den letzten Kriegstagen auf dem Vormarsch und wurde vor Freudenstadt beschossen.
Der Kommandeur schloss daraus, dass er in der Stadt großen Widerstand zu erwarten hatte und traf eine schwerwiegende Entscheidung: Er ließ Freudenstadt mit schwerer Artillerie über Stunden beschießen.

Dieser Beschuss zerstörte große Teile der Stadt und forderte viele Opfer.
Mit diesem Schicksalsschlag ist unsere Stadt eine andere geworden. Danach war nichts mehr so, wie es vorher war. Dessen wollen wir heute, am 75. Jahrestag der Zerstörung, gemeinsam gedenken.

Wir gedenken all derer, die von diesen dunklen Tage in der Geschichte der Stadt betroffen waren.
Das Leid der Menschen soll nicht in Vergessenheit geraten. Es soll uns eine deutliche Mahnung sein.

Gleichzeitig schließen wir alle Menschen in unser Gedenken ein, die während des Krieges in vielen Städten dieser Welt Leid und Tod erfahren mussten.

Und was sollten wir daraus lernen? Das Gedankengut und die Aggressionen, die diesen furchtbaren Krieg entfacht haben, dürfen wir nie wieder zulassen. Leider gibt es heute wieder rechtspopulistische Tendenzen in Europa und auch in Deutschland. Der Verherrlichung von nationalem Gedankengut müssen wir - gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte - entschieden entgegentreten.
 
Denn eines muss klar sein: Die Fähigkeit zu einem friedlichen Dialog, zur Solidarität und zur Nächstenliebe darf nicht an nationalen Grenzen Halt machen!

Nehmen wir uns ein Beispiel an den Architekten unseres geeinten und friedlichen Europas. Viele, die sich gerade noch im Krieg als Feinde gegenüberstanden, wurden zu den Initiatoren des Friedens und der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland. In der Nachkriegszeit zeigte eine ganze Generation von Europäerinnen und Europäern, dass Hass und Gewalt keinen Platz mehr haben.

Auf dem Fundament der gegenseitigen Vergebung konnte die freundschaftliche Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen wachsen und gedeihen.

Man reichte einander die Hand, um sich gegenseitig Hoffnung für die Zukunft zu geben und um Europa wieder aufblühen zu lassen. Ein Europa, in dem auch unser Freudenstadt wieder aufblühen und in eine gute Zukunft blicken konnte.

Auch heute, in Zeiten der Krise, die uns durch die Corona-Pandemie getroffen hat, gilt: Nur gemeinsam sind wir stark.
Dass schwer erkrankte Patienten aus dem Elsaß in Deutschland behandelt werden, solange hier die notwendigen Kapazitäten vorhanden sind, ist zum Glück eine Selbstverständlichkeit.

Als Freudenstädter bin ich darauf besonders stolz, denn hier hat die Deutsch-Französische Versöhnung und Freundschaft eine sehr lange Tradition: Seit 1961 sind wir mit der Stadt Courbevoie partnerschaftlich vereint.

Unsere Verbindung zählt damit zu einer der ersten und ältesten Städtepartnerschaften. Schon heute freuen wir uns darauf, im kommenden Jahr miteinander den 60. Geburtstag unserer Städtepartnerschaft zu feiern.

Und ich möchte unseren französischen Freunden zurufen: Vive l’amitié entre Freudenstadt et Courbevoie!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger: Lassen Sie uns die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse vor 75 Jahren wach halten. Nur so können wir die Erkenntnis bewahren, was für ein Glück es war, dass unsere Vorfahren nach so viel Leid und Trauer den Weg der Versöhnung eingeschlagen haben.

Im Namen der Stadt Freudenstadt und ihrer Bürgerinnen und Bürger werde ich nun zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt einen Kranz niederlegen.
Damit möchte ich zum Ausdruck bringen: Wir bewahren die Erinnerung an das Leid und die Trauer in unseren Herzen. Aber wir werden die Bedeutung des Friedens und der Versöhnung nie vergessen.

Kranzniederlegung

Ich möchte mich bei allen bedanken, die sich dieses Video anschauen und einen Moment innehalten. Indem Sie es teilen, können Sie einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Erinnerung an die Geschehnisse vor 75 Jahren wach zu halten und als Mahnung für die Zukunft zu sehen.

Vielen Dank.